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Kaiserschnitt auf Bestellung — Der Tod der natürlichen Geburt?

Es ist zu beobachten, dass sich in den letzten Jahren ein Trend verstärkte, bei dem immer mehr schwangere Frauen mit Hilfe des "Kaiserschnitts" (Sectio caesarean) ihre Kinder zur Welt bringen "lassen". Obwohl es bei den meisten Schwangerschaften keine dringliche oder medizinische Notwendigkeit gibt, einen Kaiserschnitt unbedingt durchzuführen, entscheiden sich immer mehr werdende Mütter schon im Vorfeld und in Absprache mit den daran beteiligten Geburtshelfern, ganz bewusst für eine Schnittgeburt zu einem festgelegten Zeitpunkt.

Der Kaiserschnitt ist bislang ein operativer und drastischer Eingriff in die abdominale Körperhöhle der Frau gewesen, den die Ärzte nur im Notfall oder bei absehbaren Komplikationen ausführten, um das Leben der Mutter und/oder des ungeborenen Kindes zu schützen.

Die Statistiken und Schätzungen der letzten fünf Jahre sprechen von einem Anteil des Kaiserschnitts bei Entbindungen von 15 - 20 % in Deutschland. Dies besagt, dass — bei steigender Tendenz — etwa jede 5. Schwangere hierzulande nicht durch eine spontane und natürliche Geburt entbindet. Im internationalen Vergleich schwanken diese Zahlen erheblich, hauptsächlich begründet durch die unterschiedlichen medizinischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Vorraussetzungen der einzelnen Länder. So liegt die Rate in den USA bei ca. 25 %, in der VR China bei ca. 40 %, in Brasilien im Landesdurchschnitt bei 30 % und in den brasilianischen Großstädten sogar bis zu über 70 %.

In der vorliegenden Betrachtung über den "Wunschkaiserschnitt" (elektive Sectio) möchte ich mich ausschließlich mit den Hintergründen und den Konsequenzen auseinandersetzten, die mit diesem vorausgeplanten Eingriff in Zusammenhang stehen und nicht weiter auf den notfallmäßig begründeten oder zwingend notwendigen Einsatz dieser Operation eingehen.

Es ist — trotz aller Kritik — sehr zu begrüßen, dass die weit entwickelte Medizintechnik sowie die Verbesserung und Verfeinerung der Operationsmethoden vielen Frauen und ihren ungeborenen Kindern sehr dienlich und oftmals auch lebensrettend sind. Auch die hiermit verbundene Möglichkeit, dass die Frauen dadurch mehr Entscheidungsfreiheit besitzen, den Ablauf ihrer Schwangerschaft mitbestimmen zu können, ist insgesamt als ein Fortschritt zu betrachten.

Dennoch ist seitens der Natur ein operativer Eingriff dieser Art als Entbindungsmethode nicht vorgesehen, und Frauen vieler Generationen mussten bei jeder Schwangerschaft seit jeher alles auf eine Karte setzen. Geburt und Tod liegen naturgemäß sehr dicht beieinander und es ist eine große Herausforderung, aus eigener Kraft ein Kind auf die Welt zu bringen. Schwangerschaft und Geburt sind trotz ihrer deutlichen und einschneidenden körperlichen und seelischen Veränderungen keine Krankheiten, wie man ja bei einer oberflächlichen Betrachtung annehmen könnte und man leider auch immer häufiger in einer subtilen Weise den verunsicherten Frauen — aus entsprechenden wirtschaftlichen Beweggründen — einzusuggerieren versucht.

Schwangerschaft und Geburt sind besondere, kostbare und zeitlich begrenzte Ausnahmezustände, die spezielle Aufmerksamkeit und eine angemessene innere Haltung erfordern. Leider besitzen viel zu wenig werdende Mütter und Frauen, die einen Kinderwunsch haben, ein Bewusstsein dafür, was Schwangerschaft und Geburt wirklich für sie bedeuten können und welche tiefen und elementaren Prozesse damit in Zusammenhang stehen.

An dieser Stelle sollen einige wichtige Tatsachen kurz erläutert werden: Geburt und Tod sind im Leben eines Menschen von allen Urprinzipien und archaischen Qualitäten, mit denen er in Berührung kommen kann, die intensivsten und konsequentesten. Sie markieren zwei gegensätzliche und gleichzeitig auch sehr verwandte Ereignisse, die den zyklischen Wandel allen Lebens und allen Seins repräsentieren und voraussetzen. Geburt und Tod sind darüber hinaus auch die elementarsten Initiationen, denen der Mensch auf der Reise seines Lebens begegnen kann.

Unsere moderne Gesellschaft und der gegenwärtige Zeitgeist neigen mehr und mehr dazu, das Leben und lebendige Prozesse als etwas Statisches, Mechanistisches und dadurch Kontrollierbares zu betrachten. Es werden viele Anstrengungen unternommen, das Leben und die lebendige Natur, entsprechend den egoistischen Vorstellungen der Menschen, anzupassen und zu unterwerfen. Insofern sind alle Zyklen und alle zyklischen Prozesse, die in ihrer Ursprünglichkeit das Grundmuster des Lebendigen bilden, dem modernen und rational-intellektuell denkenden Menschen unheimlich und bedrohlich geworden.

Vor allen Dingen ist durch die ausgeprägte Dominanz des männlichen Denkens und Handelns, welches schon immer große Berührungsängste und Abneigungen gegen die — scheinbar — unlogischen spirituellen, seelischen und sinnlichen "Abgründe" des menschlichen Wesens und der Naturkräfte besaß, leider eine immer größere Abspaltung und ungesunde Emanzipation gegenüber dem Wesen von "Mutter Natur" erfolgt, die uns letztendlich alle auf sichtbare und unsichtbare Weise ernährt und am Leben erhält.

Die verlockende Überzeugung und der grandiose Irrglaube, man(n) könnte völlig unabhängig und autonom von den Kräften der inneren und äußeren Natur existieren und ausschließlich durch wissenschaftlichen Fortschritt, Technik und Maschinen "sein Ding machen", führt nach einer langen Leidenszeit kollektiven Ausmaßes direkt in eine vorsätzliche Selbstzerstörung. Jede Vermeidung und Unterdrückung eines natürlichen und ursprünglichen Lebensprozesses, leistet somit diesem einseitigen technokratischen und selbstzerstörerischen Weltbild einen weiteren Vorschub und es wäre wirklich bedauernswert und auch geradezu paradox, wenn ausgerechnet Frauen diesen unausgewogenen und destruktiven Gesellschaftsprozess mittragen und unterstützen würden!

Die elementaren Kräfte, Urprinzipien und zyklischen Muster existieren in jedem Menschen völlig unabhängig und autonom weiter und lassen sich auch auf Dauer nicht von Verstandeskraft, Logik und einem rein intellektuellen Weltbild beeinflussen oder wegrationalisieren. Es ist nur möglich, mit ihnen und durch sie zu leben und zu existieren; auf Dauer kann man nicht gegen sie oder ohne sie leben. Die unterschiedlichen Abschnitte und Qualitäten innerhalb dieser Zyklen werden naturgemäß von verschiedenen Übergangsereignissen eingeleitet und beendet. Diese Ereignisse können als Initiationen bezeichnet werden und sollten im Leben eines Menschen einen angemessenen Platz einnehmen.

Werden die verschiedenen Übergänge und die damit verbundenen Initiationen nicht ausreichend berücksichtigt, bewusst erfahren und "erlebt", besteht die Gefahr, dass der Mensch die vielen kleinen und großen Zyklen seines Lebens nicht vollständig abschließen und in seinem inneren Wesen integrieren kann. Dadurch "fehlt" dem Menschen etwas Grundsätzliches in seiner seelischen Matrix und er ist — in diesem Sinne betrachtet — teilweise unvollkommen und aus dem Rhythmus des Lebens geraten. Außerdem bewirkt dieser unvollständige Zustand, dass die nachfolgenden Zyklen und ihre notwendigen Initiationen unter mangelhaften Voraussetzungen vollzogen werden müssen und schlimmstenfalls überhaupt nicht zustande kommen können.

Konkret gibt es schon im alltäglichen Leben sehr viele Beispiele für die Missachtung und Unkenntnis der zyklischen Funktionen: Wenn es schon im September überall Weihnachtsgebäck und im Februar schon Ostereier zu kaufen gibt. Wenn man den Jetlag auf einer Fernreise mit Hilfe von Medikamenten loswerden will, anstatt sich auf den neuen Ort und den neuen Zeitrhythmus in Ruhe einzulassen. Wenn man "aus beruflichen Gründen" den Tag zur Nacht macht und umgekehrt. Wenn man sich als Kind schon wie ein Erwachsener benehmen muss und sich als Erwachsener noch immer wie ein verantwortungsloses, pubertierendes Kind benimmt.

Die alten Kulturen und "wilden" Stämme wussten noch um den Wert und die Bedeutung solcher Initiationen , die sie mit Hilfe entsprechender Rituale zu kraftvollen und heilsamen Ereignissen werden ließen, welche den Menschen auf seinem weiteren Lebensweg kraftvoll unterstützten. Wenn beispielsweise zu einem bestimmten Zeitpunkt das Kind zum Mann oder zur Frau "gemacht" wurde. Wenn die unterschiedlichen Mond- und Sonnenstände gefeiert wurden. Oder wenn die Ernte und die Jagdbeute festlich geweiht und gesegnet wurden. In unserer Kultur existiert leider nur noch ein auf Kitsch und Kommerz reduzierter Abklatsch der ehemals wichtigen und notwendigen rituellen Handlungen: die Schultüte, der Osterhase und der Weihnachtsmann sind die gegenwärtigen Endpunkte der Degeneration ritueller Ereignisse innerhalb unserer Gesellschaft.

Dabei streben und drängen jedoch die zur Verfügung stehenden Kräfte immer wieder nach einer Form der Umsetzung, damit sie zum Ausdruck kommen können und adäquat erlöst werden. Was also früher einmal der rituelle Zweikampf eines Jüngling mit einem wilden Tier war, der unter den wachsamen Augen der Stammesältesten stattfand, das sind heutzutage die coolsten Klingeltöne für das teure Designerhandy, das wie eine eitle Trophäe denen nach Sinnhaftigkeit und seelischer Ganzheit dürstenden Kindern und Jugendlichen als Ersatzfetisch dienen muss.

Nach dieser kurzen Betrachtung über elementare Qualitäten und Zyklen jetzt wieder zurück zu unseren Geburtsthema: Bringt eine Frau — ohne den Einsatz von Betäubungs- und Schmerzmitteln — aus eigener Kraft und Motivation ihr Kind zur Welt, begegnet sie ihrerseits dadurch der tiefen und manchmal auch erschütternden Erfahrung, die eine Kindsgeburt mit sich bringt. Nach einer intensiven Reifezeit von neun Monaten, welche die Frau seelisch und körperlich geprägt hat, drängt jetzt in ihr das Urprinzip des Gebärens mit seiner gesamten archaischen Kraft in den Vordergrund und kann eine fundamentale Initiation ihres Wesens bewirken.

In Verbindung durch die — leider — sehr starken Wehenschmerzen und die enormen Kraftanstrengungen kommt es in dieser Situation sehr rasant zur einer intensiven Krise, die den Bewusstseinszustand der gebärenden Frau vorübergehend verändert und sie an ihre Grenzen führt. Diese "Grenzerfahrung", die meistens mit starken Gefühlen und Wahrnehmungen von Angst, Todeseindrücken, Halluzinationen, außerkörperlichen Erfahrungen, Euphorie, Identitätsstörungen und sogar "Besessenheit" einhergehen kann, ist die notwendige Konsequenz, um den vorausgegangenen Zyklus der Schwangerschaft durch den Höhepunkt der Geburt zum krönenden Abschluss zu bringen. Es ist sozusagen der Preis, den die Mutter zahlt, um — als einziges Wesen unserer Spezies — das kostbare Privileg anzuwenden, Geist zur Materie werden zu lassen und dadurch einem beseelten Lebewesen den Zugang in die stoffliche Existenz zu ermöglichen.

So ist der natürliche Geburtsvorgang immer eine — mehr oder weniger — dramatische und transzendente Erfahrung, die auf der einen Seite sehr viel aggressive Energie und aktive Willenskraft erfordert und auf der anderen Seite ein Urvertrauen und die Hingabe an ein höheres Prinzip voraussetzt, bei dem das "Ego" der gebärenden Mutter vorübergehend außer Funktion gesetzt oder abgeschwächt wird. Die gebärende Frau durchlebt in diesem Augenblick das weiblich-archaische Urprinzip der Geburt, welches körperlich, energetisch und auch spirituell von ihrem gesamten Wesen Besitz ergreift und sie am Ende der Anstrengungen und Krisen nicht nur mit einem Baby belohnt und beglückt.

Eine Erfahrung von dieser Intensität und Kompromisslosigkeit, bei welcher der eine oder andere "Schleier" im Inneren gelüftet wird, begegnet man (freiwillig) im Laufe seines Lebens nicht sehr oft, sie ist deswegen für die weitere seelische Entwicklung der Mutter und auch des Kindes so wertvoll.

Schon die Verabreichung kleinster Mengen von Schmerzmitteln oder der Einsatz der so genannten Periduralanästhesie (PDA) während der Geburtswehen können bewirken, dass die gebärende Mutter in einen Zustand gelangt, in dem sie sich zwar etwas schmerzfreier und entspannter fühlt, aber nun nicht mehr einen so tiefen Zugang zu den erwähnten Grenzbereichen ihres Wesens hat und ihr möglicherweise eine bereichernde transzendente Erfahrung versagt bleibt. Auffällig viele Frauen, die mit Hilfe der PDA entbunden haben, berichten später, dass sie das Gefühl haben, einen wichtigen Teil der Geburt verpasst zu haben oder das sie nicht richtig "da" waren und sich teilweise innerlich leer fühlen, als ob ihnen etwas fehlen würde.

Diese Aussagen können schon ein deutlicher Hinweis darauf sein, was im Falle einer Schnittgeburt für seelische Konsequenzen für Mutter und Kind zu erwarten wären, ganz abgesehen von den rein körperlich-medizinischen Risiken, die solch ein Eingriff auch heute noch mit sich bringen kann.

Zum einen wird durch die exakte zeitliche Planung, wann die Schnittentbindung erfolgen soll, gegen das schon erwähnte natürliche Zyklusprinzip der Schwangerschaft und Geburt gehandelt. Letztendlich entscheidet die Seele des Kindes den Zeitpunkt, wann sie auf die Welt kommen möchte und es sollte nicht die hochschwangere Managerin sein, die sich aus lauter überorganisiertem "Timing" zwischen Konferenzterminen und Friseurbesuch ihr Kind wie ein Anhängsel "herausoperieren" lassen möchte. Die werdende Mutter sollte sich wenigstens in dieser Situation voller Hingabe den Bedürfnissen ihres zukünftigen Kindes unterordnen, da sie ihm durch die Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt einen "Dienst" erweist und nicht ihre persönlich-egoistischen Interessen über die des Kindes stellen sollte. Leider schätzen sehr viele Frauen die verlockende Möglichkeit, ihr Kind zu einem relativ festgelegten Termin "aus dem Bauch" holen zu lassen.

Dies steht jedoch deutlich im Gegensatz zu dem hier angesprochenen Hintergrund einer natürlichen und spontanen Geburt. Die meisten Schnittentbindungen finden unter Vollnarkose oder einer örtlichen Betäubung statt, bei denen das Bewusstsein der Frau stark eingeschränkt ist. Darüber hinaus findet in dieser Situation wohl kaum eine aktive Beteiligung der Schwangeren statt, da es sich nicht um die kräftezehrende und schmerzhafte Austreibung des Kindes über die natürlichen Geburtswege handelt. Auch wählen Frauen diese Art der Entbindung, um sich aus Gründen der Angst oder anderer innerer Widerstände nicht mit diesem schmerzhaften und archaischen Akt der Geburt auseinandersetzen zu müssen. Durch die Narkose ist es leicht für sie, sich der Verantwortung gegenüber dieser wertvollen Initiationsgelegenheit zu entziehen und erschaffen sich dadurch auch ein Alibi, um nicht ihr notwendiges Opfer für das "Wunder des Lebens" zu leisten.

Dies ist jedoch ein bequemer Trugschluss im Denken und Handeln unserer verwöhnten Gesellschaft. Ist es denn nicht gerade so, das alles, was man sich mit Blut, Schweiss und Tränen erarbeitet hat, einen besonderen (Stellen-)Wert in unserem Leben einnimmt und es dadurch "spürbar" und sinnvoll bereichert?

Könnten sich diese Frauen vertrauensvoll auf eine natürliche und spontane Geburt mit all ihren Konsequenzen einlassen, wären sie innerlich durch die seelisch-geistige und auch körperliche Grenzerfahrung ein großes Stück reifer und weiter in ihrer persönlichen Entwicklung. Fast immer kommen in dieser Situation viele verdrängte und unerlöste Gefühle und Lebensängste intensiv zum Ausdruck und könnten augenblicklich transformiert oder zumindest unmittelbar erlebbar gemacht werden.

Sie hätten auch in der Zeit nach der Geburt ein weniger schlechtes Gewissen, dass sie nicht alles für ihr Kind gegeben und getan hätten. Dieses "späte" Schuldgefühl und die daraus resultierende subtile Unsicherheit und Distanz gegenüber dem eigenen Kind sind sehr häufig nach Schnittgeburten und Entbindungen unter Narkose anzutreffen.

Zum anderen scheinen weder die werdende Mutter noch die Geburtshelfer sich darüber bewusst zu sein, was für seelische Auswirkungen eine Schnittgeburt auf das Kind haben können. Zu einer Geburt gehören immer zwei, und die Herausforderung für das Kind besteht vor allen Dingen darin, den Übergang aus dem quasi paradiesischen Zustand einer Rundumversorgung innerhalb des warmen und geschützten Mutterleibes, in die polare und kalte Welt als ein autonomes und von der Mutter getrenntes Individuum zu gestalten.

Dies erfordert sehr viel Lebens- und Willenskraft. Für das noch ungeborene Kind ist das "auf die Welt kommen" eine elementare Initiation, es erlebt das Wunder des Lebens durch das archaische Ritual der "Vertreibung" aus dem (mütterlichen) Paradies hinein in die enge und klaustrophobische Dunkelheit des Geburtskanals, um sich nach dieser "Heldenreise" mit dem ersten eigenen Atemzug verdienstvoll in unserer Welt zu inkarnieren.

Durch diese "symbolschwangeren" Andeutungen lässt sich schon leicht herauslesen, dass der Akt der Geburt für die seelische Entwicklung des Kindes von sehr großer Bedeutung ist, und eine prägende Grundlage für seine weiteren Begegnungen mit den Herausforderungen des Lebens darstellt. Diese quasi überlebenswichtige "Übung", bei welcher der Wille und das Urvertrauen des Kindes versuchen, sich wirkungsvoll und erfolgreich durch alle Widerstände hindurch einen Weg bis zum Licht unserer Welt zu bahnen, entfällt bei einer termingerechten Schnittgeburt und kann einen sehr tiefen Mangel in seinem seelischen Erfahrungsschatz hinterlassen.

Es wird dadurch einer grundlegenden Erfahrung beraubt, die es für die zukünftige Konfliktbewältigung und die gesunde Aufrechterhaltung seines Selbstwertes dringend benötigt. Das Kind wird sozusagen, obwohl es eigentlich noch gar nicht dazu bereit ist, klammheimlich — und meistens unter Narkose — aus seinem angenehmen und schwerelosen "Fruchtblasenschlummer" herausgerissen und ohne naturgemäßen Übergang in unsere Welt "entführt". Das ist so, als ob man einen Schlafenden mitsamt seinem Bett in ein fremdes Büro bringen würde und er müsste sofort nach dem Aufwachen — in einem desorientierten Zustand — an einem Schreibtisch sitzen und arbeiten.

Alles hat seine Zeit und das Kind ist — obwohl körperlich schon "auf der Welt" —, eigentlich noch gar nicht richtig da und fühlt sich wesentlich verlorener in seiner neuen Umgebung, als wenn es sich den Zugang aktiv und unter Einsatz seines Lebens erarbeitet hätte. Das obligate "traumatische" Erlebnis der natürlichen Geburt, das in seiner Konsequenz viele Generationen von Psychotherapeuten beschäftigt hat, ist zwar für die Seele des Kindes — wie auch für die Mutter — ein bedrohlicher und oftmals schmerzhafter Prozess, aber er ist genauso notwendig und bereichernd für eine gesunde seelische Verfassung und den daraus resultierenden Verhaltensmustern.

In den Forschungen der transpersonalen Psychologie wurden die unterschiedlichen Traumata und Verhaltensmuster, die einem Geburtserlebnis zugrunde liegen, ausführlich diskutiert und unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Der bekannte Arzt und Psychotherapeut Dr. Dr. Stanislav Grof berichtet aus seinen zahlreichen Untersuchungen und Forschungen in seinem Buch Geburt, Tod und Transzendenz über folgende Erkenntnisse und Erfahrungsberichte:

"Es hat den Anschein, als ob das Geburtserlebnis die grundlegenden Anschauungen über die Existenz, das Weltbild, die Einstellungen zu anderen Menschen, das Verhältnis von Optimismus zu Pessimismus, den gesamten "Daseinsentwurf" und sogar so spezifische Dinge wie das Selbstvertrauen, den Umgang mit Problemen und die Fähigkeit zur Verwirklichung von Plänen bestimmt. Aus der Sicht des medizinischen Modells und des "gesunden" Menschenverstands scheint das Kind bei der Geburt lediglich eine passive Rolle zu spielen. Die Arbeit wird allein von der Mutter und den Kontraktionen ihrer Gebärmutter geleistet, und das Kind wird mehr oder weniger als lebloses Objekt entbunden.

[…] Auf jeden Fall geht aus der Aktivierung des Geburtserlebnisses im Rahmen von Selbsterfahrungstherapien deutlich hervor, dass der Geburtsvorgang innerlich als Feuerprobe, als wahrhafte Reise des Helden erlebt und interpretiert wird, die mit extremen aktiven Anstrengungen und Kämpfen verbunden ist. Der Augenblick der Geburt wird somit unter normalen Umständen als persönlicher Triumph erfahren. Dies lässt sich anhand der Tatsache veranschaulichen, dass er in der Regel mit Siegesvorstellungen, mit dem Ende von Revolutionen, Kriegen oder Kämpfen mit wilden und gefährlichen Tieren, verknüpft ist. Nicht selten geschieht es, dass jemandem im Zusammenhang mit der Erinnerung an seiner Geburt aller späteren Erfolge in seinem Leben in verdichteter Form gegenwärtig werden.

Das Geburtserlebnis hat also psychisch die Funktion eines Prototyps für alle zukünftigen Situationen, in denen man auf eine schwere Probe gestellt wird. Dauerte die Geburt nicht zu lange, schwächte sie das Kind nicht zu sehr und wurde es nachher liebevoll und einfühlsam behandelt, so verbleibt ein nahezu in jeder Zelle des Körpers sitzendes Selbstvertrauen in schwierigen Situationen. Personen, die unter den Einwirkungen einer starken Vollnarkose geboren wurden, sehen darin häufig eine Verbindung mit ihren späteren Schwierigkeiten, einmal gefasste Pläne vollständig in die Tat umzusetzen. Wie Sie sagen, können sie in den Anfangsphasen eines großen Vorhabens genügend Energie und Begeisterung mobilisieren, verlieren aber später ihr Ziel aus den Augen und haben das Gefühl, dass ihre Energien nachlassen. Als Folge davon haben sie nie das Erfolgserlebnis, das sich einstellt, wenn man ein Projekt sauber bis zu seinem Ende durchgeführt hat.

[…] Wenn Menschen, die durch einen vorher geplanten Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, in ihrem Erleben mit der perinatalen Ebene konfrontiert werden, dann haben sie nach ihren Angaben das Gefühl, dass irgendetwas Grundlegendes nicht stimmt — so als ob sie ihre Geburt mit einer phylogenetischen oder archetypischen Matrix von einer "richtigen" Geburt vergleichen würden. Erstaunlicherweise vermissen Sie die Erfahrungen einer normalen Geburt, die Bedrohungen und Reize, die von ihr ausgehen, die Konfrontation mit Hindernissen, und die triumphale Befreiung aus der Enge des Geburtkanals.

[…] Zudem scheint das Erlebnis der Enge des Geburtskanals die Grundlage für das Gefühl der eigenen Grenzen zu bilden. Die Menschen, die durch einen geplanten Kaiserschnitt auf die Welt kamen, wissen unter Umständen nicht so recht, welchen Platz sie in der Welt einnehmen und wie viel sie von anderen erwarten können. Es ist so, als ob sie verlangten, dass die Welt Ihnen den Mutterleib ersetzt und ihnen vorbehaltlos alles gibt, was sie brauchen. Sie fordern viel, und wenn sie haben, was sie wollen, sind sie immer noch nicht zufrieden. Da sich die Welt aber nun einmal erheblich vom Mutterleib unterscheidet, müssen sie früher oder später Enttäuschungen hinnehmen, auf die sie reagieren, indem sie sich psychisch zurückziehen. Ihr Leben kann im Extremfall zwischen wahl- und maßlosen Forderungen einerseits und schmerzlicher Isolation andererseits hin- und herschwanken."

Diese Ausführungen vermitteln uns deutlich, wie nachhaltig schon am Beginn eines Menschenlebens grundlegende und meistens unbewusste Verhaltensmuster — in positiver wie auch in negativer Ausprägung — miterschaffen werden können und die Missachtung der natürlichen Prozesse während der Schwangerschaft und Geburt einen lebenslangen Einfluss auf die seelische Verfassung des Kindes haben.

Es liegt mir fern, an dieser Stelle darüber zu urteilen, warum angesichts all dieser Erkenntnisse und der Weisheit, die in der Jahrtausendalten natürlichen Geburt liegt, die vielen werdenden Mütter und ihre Geburtshelfer eine geplante Schnittgeburt überhaupt erst in Erwägung ziehen. Hier sind wir als Therapeuten und Heiler herausgefordert, das gesellschaftliche Bewusstsein für dieses Thema zu erweitern und zu sensibilisieren.

Wir können nur voller Vertrauen darauf hoffen, dass die hier vordergründige Vermischung aus Lifestyle, kommerziellen Interessen und der — wahrscheinlich aus Angst begründeten — Abneigung gegenüber der mächtigen Welt unsichtbarer archaischer Seelenkräfte, die in jedem Menschen existieren, eine vorübergehende Erscheinung in der momentanen kollektiven Verwirrung und Verunsicherung unserer Gesellschaft darstellt.

Ein kleiner Trost bleibt jedoch zum Schluss auf jeden Fall: Spätestens mit der letzten großen Initiation des Menschen — dem Tod — wird jede Seele auf ihre Weise in den Genuss kommen, einem alles verschlingenden und transformierenden Urprinzip zu begegnen.

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